Die Sage zur Wendeltreppe


In die Zeit des Wiederaufbaus der Stadt Weida und der Osterburg nach der Zerstörung im Dreißigjährigen Krieg und dem verheerenden Hochwasser von 1661 fällt auch die Entstehung einer einzigartigen Wendeltreppe für die Osterburg. Die 12 Meter hohe, aus einem mächtigen Eichenstamm gearbeitete Treppe ist eine meisterliche Handwerksarbeit von außergewöhnlicher Eigenart. Um seine Entstehungsgeschichte erzählte sich das Volk seltsame Einzelheiten, die sich im Laufe der Zeit zu einem sagenhaften Gebilde verdichteten:

Am 13. Juli des Jahres 1670 lag drückende Sonnenglut über Weida im Herzogtum Sachsen-Zeitz. Im feuchten Verlies der Osterburg lag der Zimmergesell Arnold in Ketten. Noch heute sollte er nach Richterspruch vom Leben zum Tode kommen, denn er hatte einen Junker von der Osterburg erschlagen.  Die Tat geschah in aufwallendem Zorn, denn der Junker stellte dem Mägdlein nach, welches dem Arnold versprochen war. Aber die Härte des Gesetzes sah seine Tat nicht milder an. Es nützte auch nichts, dass die Braut den Richter weinend um Gnade anflehte - wer Blut vergossen hatte, musste es mit seinem eigenen Blut sühnen. Schon bereitete man den Delinquenten zum letzten Gang vor und eine gaffende Menge hatte sich eingefunden, um dem blutigen Schauspiel beizuwohnen. 

Plötzlich ging eine Bewegung durch die Massen. Herzog Moritz von Sachsen-Zeitz ritt unvermittelt mit seinem Gefolge in die Burg ein. Als der Herzog hörte, wessen man den Zimmergesellen beschuldigte und sich die Braut des Beschuldigten mit Bitten und Flehen dem Herzog vor die Füße warf, gebot dieser Einhalt.  Er erkannte die Härte des Schicksalspruches, konnte ihn zwar nicht aufheben aber erschloss eine Möglichkeit, die Untat durch eine andere Tat auszulöschen und sprach: "Seht dort die mächtige Eiche im Schatten der Burg. Unter ihr habt ihr gefehlt, dort wurde der Junker erschlagen, könnt ihr aus dem Stamm dieses Eichenbaumes mir eine Treppe zimmern für mein Schloss und steht diese Treppe übers Jahr am gleichen Tage fertig da, ohne dass Euch bei der Zimmermannsarbeit ein anderer geholfen hätte, so seid Ihr frei und eurer Strafe ledig." Freudige Rufe aus der Menge zeigten, dass des Herzogs Spruch des Volkes Gunst besaß. Der arme Sünder wurde von seinen Fesseln befreit und man gab ihm sein Handwerkszeug. Es begann ein unermüdliches Werken und Schaffen. Tag um Tag arbeitete Arnold, denn er kämpfte um sein Leben und seine Liebe. Unter großen Mühen gelang es ihm, den Baumriesen zu fällen.  Monat um Monat vergingen und nach und nach gestalteten sich die Umrisse des Treppenbaus. Kurz vor Jahresfrist war das Werk vollendet. Hilfreiche Hände richteten die Treppe auf- sie stand. Sie war so fest und dauerhaft gebaut, dass nicht weniger als einhundert Männer gleichzeitig auf den 61 Stufen Platz fanden, ohne dass sie schwankte oder brach. Großer Jubel erfüllte das ganze Städtchen, als der Herzog in Weida eintraf.  Man geleitete ihn zum Meisterwerk und er hielt sein Herzogwort. Arnold bekam seine Freiheit und seine Braut. Arnold versah die Treppe noch mit dem Datum der Fertigstellung - es war der 13. Juli 1671.

Der Heimatdichter Paul Quensel, ein Sohn unserer Stadt, hat die Entstehungsgeschichte in seinem 1935 geschaffenen Roman "Am Tage Margaretae" geschildert. Die sagenumwobene Treppe steht heute im Bibliotheksturm der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar.  Am 28. August 1818 gab Großherzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach seinem Baurat Steiner die Anweisung, eine "entbehrlich gewordene Treppe" von der Osterburg nach Weimar bringen zu lassen. Der im Dienste des Weimarer Hofes stehende Sohn des Dichterfürsten Goethe, August von Goethe, war direkt an der Vorbereitung und Realisierung dieser Maßnahme beteiligt. Für den Abbau und den zehntägigen Transport zahlte das Rentamt Weida am 18. November 1818 aus der Staatskasse 124 Taler.

 

 

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